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Wie die Feldenkrais-Methode funktioniert

Jahrzehnte nach der Entwicklung neurologisch bestätigt. Vor über 50 Jahren entwickelte der Physiker Moshe Feldenkrais eine Methode zur Behandlung von chronischen Verspannungen und Schmerzen, die auf dem Neu-Erlernen von Bewegungen beruht. Feldenkrais war überzeugt, dass sich so die Verbindungen im Nervensystem verändern liessen - eine These, die damals wissenschaftlich nicht überprüfbar war. Doch die neuere Forschung gibt dem Physiker Recht.

Als sich Moshe Feldenkrais, der am 6. Mai seinen 100. Geburtstag feiern würde, in jungen Jahren die Bänder im Knie riss, stellten ihn die Ärzte vor die damals übliche Wahl: Entweder das Gelenk operieren - mit dem 50-prozentigen Risiko, dass das Bein danach steif sein würde - oder ein Leben lang mit einem instabilen Knie herumlaufen. Der hochbegabte Naturwissenschafter - Feldenkrais hatte Ingenieurwissenschaften studiert und seinen Doktortitel in Physik an der Sorbonne in Paris erhalten, wo er bei der Nobelpreisträgerin Joliot-Curie gearbeitet hatte - entschied sich gegen die Operation und für den Versuch, die Funktion des Knies durch entsprechende Übungen selbst wiederherzustellen. Entscheidend schien ihm dabei, dass das Knie nicht isoliert therapierbar sei, sondern nur als Teil von vielfältigen Funktionen wie Gehen, Stehen oder Balancieren. Er glaubte auch, man müsse eine Bewegung in möglichst vielen, mindestens aber in zehn Varianten ausführen, um eine Verbesserung zu erreichen. Ausserdem müsse jede dieser Bewegungen in sämtlichen Phasen bewusst gemacht und nicht gedankenlos abgespult werden.

Hochdynamische Körperkarte im Gehirn
Die Annahme, dass eine Vielfalt von Bewegungen die Beweglichkeit verbessere, begründete der 1984 verstorbene Physiker mit neurobiologischen Überlegungen, die jenen des Hirnchirurgen Wilder Penfield ähnelten. Dieser beobachtete in den fünfziger Jahren bei Operationen am offenen Gehirn, dass durch kurze Stromstösse in bestimmten Bereichen der Hirnrinde (Kortex) Muskelkontraktionen etwa an Gesicht, Händen oder Rumpf auftraten. Er folgerte daraus, dass in diesen Hirnarealen bestimmte, durch Muskelerregung steuerbare Regionen des Körpers abgebildet seien. Besonders häufig gebrauchte und stark innervierte Körperteile sind dabei relativ stark im Kortex repräsentiert. So nehmen etwa die Hände in der von Penfield veröffentlichten «Körperkarte» des Gehirns einen wesentlich grösseren Bereich ein als der Rumpf.

Von einer ähnlichen Abbildung des Körpers ging auch Feldenkrais aus. Anders als Penfield sah er eine solche Körperkarte jedoch als hochdynamisch an und betrachtete sie als Teil eines neuronalen Netzwerkes. Er war überzeugt, dass die Schlüssel zur Veränderung dieses Netzwerkes bewusst wahrgenommene Bewegungen seien. Je vielfältiger eine Funktion wie Sitzen oder Balance halten ausgeübt werde, desto zahlreicher und unterschiedlicher seien die neuronalen Netzwerke im Kortex verknüpft und desto «stabiler» sei die Funktion. Der heute in Basel tätige Internist und Feldenkrais-Lehrer Gregor Risi veranschaulicht dies an einem Beispiel: Wenn ein Mensch gewohnt sei, sein Gleichgewicht nur in wenigen Handlungen zu halten - Geradeaus-Gehen auf ebenem Boden, Sitzen oder Stehen -, so sei die Funktion «Gleichgewicht» viel störanfälliger, als wenn er sein Gleichgewicht in vielen verschiedenen Situationen herstellen könne, etwa auch in unebenem Gelände, auf allen Vieren oder auf nur einem Bein stehend. Wenige Bewegungsvarianten für eine Funktion führten zu einer höheren Muskelspannung im Körper, so Risi. Damit erhöhe sich auch die Verletzungsgefahr. Zudem verschlechterten monotone Bewegungen, wie sie etwa beim Krafttraining gemacht würden, die Bewegungsfähigkeit. Durch das Wiederholen ein und derselben Bewegung werde diese zwar immer fester ins Hirn eingraviert, eine Reorganisation der Hirnareale bleibe aber aus.

Zu diesem Schluss ist kürzlich auch das Forscherteam des Kanadiers Jeffrey Kleim anhand von Rattenversuchen gekommen. Die Wissenschafter teilten die Nager in zwei Gruppen ein, von denen die erste über dreissig Tage eine bestimmte Bewegung trainierte: Die Tiere mussten ihr Futter mit einem kraftaufwendigen Pfotengriff brechen, während die Kontrollgruppe kein Training durchlief. Als die Forscher anschliessend die Körperkarten im Kortex abtasteten, stiessen sie bei den trainierten Tieren zwar auf vergrösserte Areale für die Vorderpfoten; die Areale für Schultern und Ellbogen hatten sich indes im Vergleich zu den Kontrolltieren deutlich verkleinert. Demnach hatte sich die Kraft der Tiere erhöht, ihre generelle Bewegungsfähigkeit aber verringert, lautete die Schlussfolgerung. Vergleichbares lasse sich auch bei Menschen beobachten, die häufig repetitive, stereotype Bewegungen machten, berichtet Risi. So zeigen Untersuchungen zu Sehnenreizungen im Handgelenk, dass sich durch stereotype Bewegungen die sensorische und motorische Kontrolle des Gelenks verschlechtert. Dies stütze die Auffassung von Feldenkrais, dass Probleme des Bewegungsapparats in erster Linie eine Folge ungenügender sensomotorischer Organisation seien und entsprechend nur über eine Verbesserung der kortikalen Repräsentation angegangen werden könnten, meint Risi.

Dass die kortikalen Karten tatsächlich dynamisch sind, haben Michael Merzenich von der University of California in San Francisco und Kollegen mit einem einfachen Experiment belegt. Als die Forscher Testpersonen bestimmte Fingerbewegungen trainieren und ausüben liessen, reichten schon wenige Minuten, um die entsprechenden Areale im motorischen Kortex messbar zu verändern. Wie dramatisch die Wandlungsfähigkeit der Netzwerke im Kortex ist, bewies zudem der Neurophysiologe Tim Pons mit einem denkwürdigen Versuch in den neunziger Jahren: Er durchtrennte bei Affen die Nervenbahnen, die den Arm mit dem Rückenmark verbinden. Der Arm war folglich taub und konnte keine Bewegungen mehr ausführen. Nach dem Eingriff veränderten sich die Aktivitätsmuster im Gehirn der Tiere deutlich. Jene Bereiche des Kortex, die ursprünglich für Gefühl und Bewegung der Hand verantwortlich gewesen waren, reagierten nun auf Berührungen im Gesicht. Werde eine Region arbeitslos, weil sie keine Signale mehr von aussen bekomme, übernähmen benachbarte Regionen das brachliegende Feld, folgerte Pons aus seinen Beobachtungen. Dies bestätigten auch die Befunde des Hirnforschers Vilajanur Ramachandran bei der Untersuchung von Phantomphänomenen bei amputierten Menschen.Aufmerksamkeit und Wahrnehmung Welche Rolle aber spielen nun Aufmerksamkeit und bewusste Wahrnehmung bei der Umgestaltung der kortikalen Karten? Beide spielen in Feldenkrais' Lernmethode eine zentrale Rolle, und der Physiker war der Ansicht, dass dadurch die Bewegungskontrolle aus den gewohnheitsmässigen Strukturen in höhere Hirnregionen gehoben werden könne. Tatsächlich belegen Studien der Kanadierin Francine Malouin zur Hirndurchblutung, dass mit zunehmender Komplexität und Anforderung an die sensorische und kognitive Informationsverarbeitung progressiv höhere Hirnregionen aktiviert werden. Studien mit professionellen Pianisten zeigen ausserdem, dass die jahrelange Übung in komplexer Bewegungskontrolle dazu führt, dass neue Bewegungsmuster sehr viel leichter und mit weniger kortikalem Aufwand und somit effizienter erlernt werden können. Damit zeigen etwa Musiker das Phänomen der Metaplastizität, das heisst eine gesteigerte Lernfähigkeit an sich. Für Moshe Feldenkrais ging es in seiner Methode letztlich genau um dies: ein grundsätzliches Lernen-wie-man-lernt.

Anne Marowsky

5. Mai 2004, 02:12, Neue Zürcher Zeitung

 

Der Mann, der den Premierminister auf den Kopf stellte:
"Zum 100. Geburtstag von Moshé Feldenkrais am 06. Mai 2004"

Der Staatsgründer und erste Premierminister Israels, David Ben Gurion, litt unter starken Rückenschmerzen. Freunde stellten ihm im Jahr 1975 einen Mann vor, der sein Ebenbild hätte sein können: den Physiker und Bewegungsforscher Moshé Feldenkrais. Auf unkonventionelle Art konnte Feldenkrais den Premierminister kurieren. Als in Israels Zeitungen die Fotografie von Ben Gurion im Kopfstand erschien, wurde sein Instruktor Moshé Feldenkrais auf einen Schlag berühmt. Es war allerdings zu Beginn ein zwiespältiger Ruhm, wurde er doch auch als Scharlatan angefeindet. Doch der Ruf von Moshé Feldenkrais und seiner revolutionären Wahrnehmungs- und Bewegungsschulung verbreitete sich in die USA und von dort in die ganze Welt.

Der sportliche Wissenschaftler
Moshé Feldenkrais (*1904 in Slawuta, Russland, †1984 in Tel Aviv, Israel), war ein bedeutender Wissenschaftler und Universalgelehrter. Er beschränkte sich nicht auf die Ingenieurwissenschaften und Physik, die er in Israel und Frankreich studiert hatte, schon während seiner Ausbildung befasste er sich mit asiatischen Kampfkünsten der menschlichen Wahrnehmung. Neben seiner Arbeit als Assistent bei der Kernforschung im Labor von Frédéric Joliot-Curie in Paris lernte er Judo, gründete den französischen Judoclub und erlangte als erster Europäer den schwarzen Gurt.

Wie bei vielen BegründerInnen von Bewegungsschulen anfangs des 20. Jahrhunderts war es auch bei Moshé Feldenkrais ein körperliches Problem, das ihn seine Methode entwickeln liess. Immer wieder wurde er von einer alten Knieverletzung behindert, die er sich bei Fussballspielen zugezogen hatte. Er machte sich zur Aufgabe, herauszufinden, was er an seinem Verhalten unbewusst veränderte, so dass ihn seine Knie manchmal schmerzten und manchmal nicht. Moshé Feldenkrais experimentierte mit seiner Wahrnehmung und las alles, was mit Wahrnehmung und Verhaltensforschung zu tun hatte. Er stellte fest, dass seine Erkenntnisse auch auf andere Menschen übertragbar waren.

Die Lösung liegt im Selbstbild
Moshé Feldenkrais kam zur Einsicht, dass sich jeder Mensch ein Bild von sich macht, das sich aus seinen Lebenserfahrungen ebenso wie aus seinen Wünschen und Träumen zusammensetzt. Er verhält sich nach dem Selbstbild, auch wenn es nicht den realen Umständen entspricht; dieser Konflikt kann zu Stress und Überbelastungen führen. Moshé Feldenkrais entwickelte eine Methode, mit der man über die Erfahrung von Körperbewegungen die Selbstwahrnehmung und damit das Selbstbild beeinflussen kann.
Mit der Behandlung on David Ben Gurion erreichte Moshé Feldenkrais erstmals eine breite Öffentlichkeit. Viele berühmte Persönlichkeiten, wie Yehudi Menuhin, Igor Markévitch, Peter Brooke, Moshé Dayan und Margaret Mead suchten ihn auf, profitierten von seiner Methode und machten sie bekannt.

Moshé Feldenkrais in der Schweiz
Moshé Feldenkrais besuchte regelmässig die Schweiz. In Zürich traf er sich mit Franz Wurm, seinem Freund und Übersetzer seiner Bücher. Er wohnte bei der Familie Wolgensinger, die regen Kontakt zu Künstlern pflegte. Hier wurde auch der Kontakt zu Paul Celan geknüpft, einem der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts, den er 1976 in Paris traf. Paul Celan war von Feldenkrais’ Arbeit fasziniert und vermittelte den Kontakt zu seinem Verleger Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag: Mit Dr. Unseld habe ich über das Buch von Moshé Feldenkrais gesprochen, er hat sich eine Notiz gemacht, hoffentlich eine früchtetragende. (Paul Celan, Franz Wurm, Briefwechsel, S. 250)

Moshé Feldenkrais und seine Arbeit erlangten in den 70er Jahren viel Aufmerksamkeit in der Deutschschweiz, als das Schweizer Radio eine Serie von halbstündigen Feldenkrais Lektionen ausstrahlte, die von Franz Wurm gesprochen wurden. Noch heute erinnern sich manche aus jener Generation an diese Sendungen. Damals arbeitete Moshé Feldenkrais auch mit einer Frau aus Zürich, die einen Schlaganfall erlitten und ihre Fähigkeit zu lesen und zu schreiben verloren hatte. Er beschrieb seine Begegnungen mit ihr im Buch „Der Fall Doris“. In dieser faszinierenden Dokumentation erläutert er seine Arbeit, und sein grosser Respekt vor dem Menschen und seiner Entwicklungsfähigkeit wird deutlich.

Lerne zu Lernen
Erst relativ spät begann Moshé Feldenkrais seine Arbeitsweise weiterzugeben. Seine Ausbildungen waren ungewöhnlich konzipiert. Er war überzeugt, dass echtes Lernen nicht über die Vermittlung von fremdem Wissen geschieht, sondern durch das bewusste Erleben eigener Erfahrungen. Ab Mitte der 60er Jahre begann Moshé Feldenkrais in Israel einige Feldenkrais LehrerInnen auszubilden. In den 70er Jahren wurde er in die USA eingeladen, wo seine Arbeit grosse Beachtung fand. Er führte eine Ausbildung in San Francisco durch und begann 1980 eine weitere in Amherst, die er nur noch bis zur Hälfte selber leiten konnte.

1984 starb Moshé Feldenkrais im Alter von 80 Jahren. Oft stellte er sich in seinem Leben gegen die herrschende Lehrmeinung und hatte es dadurch nicht leicht, in der Wissenschaft Anerkennung zu finden. Viele der Thesen, die er aufstellte, sind mittlerweile von der aktuellen wissenschaftlichen Forschung, namentlich der Neurologie, bestätigt worden. Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist die umfangreiche Hinterlassenschaft seiner Forschung noch nicht vollkommen erschlossen.

Für Moshé Feldenkrais war das Lernen zentral: Wie lernt der Mensch? Welches Umfeld und welche Bedingungen sind nötig, um Lernen leicht und effektiv zu machen? Wie kann der Mensch mehr von seinem Potential entwickeln, um in der Lage zu sein, auf die sich dauernd verändernde Umwelt zu reagieren? Wer sich und seine Umwelt offen und vorbehaltlos wahrnehmen kann, wird sich auch in unbekannten Situationen zu helfen wissen. Deshalb träumte er von der Feldenkrais Methode als regulärem Schulfach. Er war überzeugt, durch seine Methode vielen Kindern traumatische Lehrerlebnisse ersparen zu können. Die Feldenkrais Methode ist noch kein Schulfach, doch entdecken immer mehr Menschen, was sie damit gewinnen können.

Konrad Wiesendanger, März 2004

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